Auf ein Wort Ungeheure Erfahrung

Es gibt in der katholischen Kirche nach dem Tod eines Menschen eine besondere Tradition: Die Angehörigen treffen sich ungefähr sechs Wochen danach noch einmal zu einem Gottesdienst, um wirklich Abschied zu nehmen. Sechs Wochen, das sind ungefähr 40 Tage. Und die Erfahrung zeigt: Nach dieser Zeitspanne ist eine wichtige Phase des Trauerns vorbei. Natürlich ist das individuell noch mal unterschiedlich. Aber nach sechs Wochen, vierzig Tagen, fangen wir an zu begreifen, dass der Verstorbene wirklich nicht mehr da ist. Und nicht mehr wiederkommt. Wir brauchen Zeit, um das zu verstehen.

In den biblischen Erzählungen ist das die Schilderung der Himmelfahrt Jesu. Das ist der Moment, wo den Jüngern Jesu klar wird, dass er nun wirklich nicht mehr so da ist, wie sie ihn kannten. Dass sie ihn loslassen, ihn gehen lassen müssen. Mit allem Schmerz und aller Verunsicherung, die damit verbunden ist.

Zwar ist ihnen dann klar, dass er wirklich nicht mehr da ist und sie ihn nicht festhalten konnten. Aber dennoch fühlen sie sich nicht allein oder im Stich gelassen. Die Zusage "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt", die Jesus hier macht, klingt in ihren Herzen nach. Aber sie brauchen noch eine Zeit, um zu verstehen, was das konkret bedeutet.

Und da kommt Pfingsten ins Spiel, das Fest, das wir heute feiern. Noch mehr Zeit ist vergangen, die Jünger sind immer noch unsicher und verängstigt. Doch an diesem Tag wird ihnen klar, dass Jesus zwar nicht mehr so da ist, wie sie ihn kannten, aber dass er dennoch weiter wirkt und lebt. Sie beschreiben das wie einen Sturm, der sie erfasst – ein Brausen, eine ungeheure Erfahrung, die alles verändert. Wir nennen es den Heiligen Geist, der ihnen gesandt wird. Aber das alles sind Bilder, Beschreibungen einer Erfahrung. Der Erfahrung der Gegenwart und Lebendigkeit Gottes.

Interessant ist, was der Effekt dieser Erfahrung ist, was sie aufgrund dieser Erfahrung tun. Sie bleiben nämlich nicht in den engen Räumen ihrer Rückzugsorte und Mauern, sondern gehen hinaus, sprechen zu und mit den Menschen – und, ganz wichtig: treffen auf Verständnis.

Das ist das größte Wunder, was der Geist bewirkt. Er bewirkt nicht nur, dass die Jünger einen inneren Frieden und Trost finden. Sondern, dass sie sich trauen, herauszugehen. Und er bewirkt, dass die Menschen nicht mit Ablehnung und Unverständnis reagieren, sondern verstehen.

Der Geist wirkt nicht nur in uns, wenn wir hinausgehen und aktiv werden. Er kann auch wirken, indem wir anderen mit Verständnis begegnen. Dann geschieht auch heute Pfingsten.

Propst Dr. Bernhard Stecker

Dieses Thema im Programm: 28. Mai 2023, 7:40 Uhr

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