Auf ein Wort Demokratie braucht Religion

Autor/Autorin

  • Winfried Herzog

Die Haltung des "hörenden Herzens" auf den Gesprächspartner ist in den Religionen tief verwurzelt, findet Winfried Herzog. Das sei für die Demokratien unverzichtbar.

Das Jahr 2024 wird ein Superwahljahr. Fast vier Milliarden Menschen sind aufgerufen, über ihre politische Zukunft abzustimmen. Das entspricht etwa fast der Hälfte der Weltbevölkerung. Das kleine Taiwan hat bereits seine Stimme abgegeben. Die großen Länder Russland und Indien folgen. Danach ist Europa dran. Und den krönenden Abschluss bilden die Wahlen in den USA, wo vermutlich Donald Trump gegen Joe Biden antritt. Dabei sind die Landtagswahlen im kommenden Herbst in Sachsen, Thüringen und Brandenburg noch gar nicht mitgerechnet, wo der Durchmarsch der AfD auf Platz eins droht.

Überall scheint viel auf dem Spiel zu stehen. Antidemokratische Kräfte sind auf dem Vormarsch. Die Stimmung ist aufgeladen. Die Sorge groß, dass die rechtsradikalen und autokratischen Kräfte noch mehr Fahrtwind aufnehmen können, so dass die Demokratie in realer Gefahr ist – von Taiwan bis Thüringen.

In dem Zusammenhang fiel mir eine kleine Schrift von dem Soziologen Hartmut Rosa in die Hände mit dem Titel "Demokratie braucht Religion". Ein Titel, der aufhorchen lässt. Er schreibt: "Demokratie bedarf eines hörenden Herzens, sonst funktioniert sie nicht. Ein solches hörendes Herz fällt aber nicht vom Himmel, überhaupt ist diese Haltung in einer Aggressionsgesellschaft besonders schwer einzunehmen".

Und dann richtet er den Blick auf die Religionsgemeinschaften und Kirchen und sagt, dass diese "über Narrationen, über ein kognitives Reservoir verfügen, über Riten und Praktiken, über Räume, in denen ein hörendes Herz eingeübt und vielleicht auch erfahren werden kann".

Ihm geht es also um eine bestimmte Haltung des Hörens und des Antwortens. Um die Bereitschaft, sich von meinen Gesprächspartnern anrufen, berühren und verwandeln zu lassen. Also mit geöffnetem Herzen in einen wirklichen Dialog einzutreten, statt in den Anderen nur "Idioten" und "Volksverräter" zu sehen, die "ihr Maul halten sollen", wie Rosa zugespitzt formuliert.

Schon im Alten Testament wünschte sich der junge König Salomo zu seinem Regierungsantritt von Gott ein "hörendes Herz". Diese Haltung ist in Religionen tief verwurzelt, weil sie durch Rituale, Lieder, Gesten und Gebetspraktiken Räume eröffnen, wo diese Herzensbildung erlernt und so Resonanz erfahren werden kann. Genau das, was auch in Demokratien unverzichtbar ist. Denn ein offenes Herz reißt keine Gräben auf und drückt kompromisslos die eigenen Interessen durch, sondern stiftet Beziehung und stellt Verbundenheit her. Eine weltumspannende Kraft, die lebensnotwendig für alle Demokratien ist.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 4. Februar 2024, 7:40 Uhr

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Der Sonntagabend mit Britta Uphoff