Auf ein Wort Wo ist unser Herz?

"Mittendrin, statt nur dabei" – das war mal der Slogan eines Fernsehsenders. Das sollte sagen: Wir berichten nicht nur, was jeder sieht, sondern schauen hinter die Kulissen, führen näher heran. Aber wir kennen das auch aus unserem Leben: dass wir manchmal das Gefühl haben, nur dabei zu sein und nicht mittendrin. Wenn wir in einer Runde sitzen, dabei, aber irgendwie am Rande und mit den Gedanken ganz woanders. Andersherum gibt es das auch: dass wir, obwohl räumlich abwesend, doch so sehr in Gedanken dabei sind – so eng verbunden, dass es uns schon vorkommt, als wären wir unmittelbar dazwischen. Mittendrin eben.

Die körperliche Anwesenheit allein genügt nicht. Die Frage ist: Wo ist unser Kopf, wo unser Herz, wo unsere Gedanken? Wo bin ich? Sich darüber klar zu werden, wird in Zeiten digitaler Kommunikation noch wichtiger. Denn über die verschiedenen Dienste können wir in vielen Räumen gleichzeitig dabei sein. Wo bin ich in den ganzen Netzwerken und Kommunikationsplattformen, die mich in Anspruch nehmen? Wo bin ich wirklich mittendrin?

Das Wort mittendrin ist dabei schon aufschlussreich. Geht es darum, selber in der Mitte zu stehen? Wo bin ich der Mittelpunkt, wo dreht sich alles um mich? Oder heißt es vielmehr: Wo finde ich meine Mitte? Wo bin ich der Mitte nahe, meiner Mitte, der Mitte meines Lebens? Das wären wirklich besondere Momente, die ich technisch auch gar nicht herbeiführen kann. Diese Momente kann ich auch nicht festhalten, sondern nur genießen.

So verstehe ich auch die österlichen Geschichten der Bibel. Die Jünger erfahren die Anwesenheit des auferstandenen Jesus immer nur für einen Moment, wo er wieder in ihrer Mitte ist. Dann aber ist er wieder weg – und sie fühlen sich allein. Es ist ein Wechselbad von Anwesenheit und Abwesenheit.

Aber die Frage ist nicht: Wann ist er da und wann wieder weg? Sondern: Wann sind die Jünger wirklich da, mit ganzem Herzen – und wann sind sie mit ihren Gedanken und Herzen wieder weg und nehmen gar nichts mehr wahr?

Man könnte auch sagen: Die Auferstehung kann ich erst im Glauben begreifen und erfassen. Und sie ist dennoch zutiefst wahr, denn die Wahrheit unseres Lebens erfassen wir ja erst mit den Augen des Herzens und des Glaubens, nicht mit den Hilfsmitteln technischer Vernunft. Nicht am Rand zu bleiben, sondern in die Mitte zu gelangen, mittendrin zu sein – darum geht es.

Propst Dr. Bernhard Stecker

Dieses Thema im Programm: 21. Mai 2023, 7:40 Uhr

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