Auf ein Wort Das falsche Konzert

Autor/Autorin

  • Winfried Herzog

Auf dem Musik-Video ist die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires mit dem italienischen Dirigenten Riccardo Chailly zu sehen. Der Konzertsaal ist ausverkauft und auf dem Programm steht das "Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll" von Wolfgang Amadeus Mozart. Die ersten Takte des Orchesters erklingen. Doch dann erstarrt die Pianistin, weil sie plötzlich realisiert, dass sie das falsche Klavierkonzert geübt hat.

Hilfesuchend versucht sie Kontakt zum Dirigenten herzustellen. Doch dieser dirigiert sein Orchester seelenruhig weiter. Erst nach einer fast schon unsäglich lange wirkenden Funkstille zwischen den beiden reden sie kurz miteinander. Am Ende ist nur noch zu hören, wie der Maestro der Pianistin sagt: "Sie haben das Konzert letzte Saison noch gespielt. Ich bin mir sicher, Sie schaffen das."

Eine atemberaubende Szene. Wie gelähmt befindet sich Pires in einer Situation wieder, von der sie in dem Moment nicht weiß, wie sie diese bewältigen soll. Doch Chailly lässt sich von ihrem Schock und ihrer Hilflosigkeit nicht anstecken oder gar aus dem Takt bringen, sondern er lächelt ihr zu und macht ihr Mut. Und allmählich setzt ein sichtbarer Wandel bei ihr ein. Sie akzeptiert ihre scheinbar aussichtslose Lage. Ihr Gesicht verändert sich. Sie wirkt jetzt gesammelt und fokussiert. Ihre Erstarrung löst sich und ihre rechte Hand fängt an zu spielen. Es ist alles da, was sie braucht.

Vielleicht steht ja so eine Konzerterfahrung für etwas, was alle von uns so oder ähnlich in ihrem Leben schon einmal erfahren haben. Wir fühlen uns überfordert und haltlos und haben keine Ahnung, wie es hier gut weitergehen soll. Und dann geschieht plötzlich etwas, was manchmal Züge eines Wunders annehmen kann. Denn es geht tatsächlich weiter, obwohl ich es vor kurzem noch für unmöglich gehalten hatte. Insbesondere wenn es mir gelingt, nicht in der Verzagtheit oder Ohnmacht stecken zu bleiben, sondern so etwas wie Vertrauen zu entwickeln. Dann kann wieder etwas in Bewegung kommen. Neue Optionen tun sich auf.

Das ist natürlich umso leichter, wenn es solche Menschen wie den Dirigenten um mich herum gibt, die an mich glauben und das Vertrauen in meine Fähigkeiten stärken. Denn über das Vertrauen kommt gleichsam eine zusätzliche Kraft ins Spiel, die uns manchmal über uns selbst hinauswachsen lässt. Wir werden ruhig und kommen vielleicht so auch in Kontakt mit dem göttlichen Grund allen Lebens.

Dieses Thema im Programm: 8. Oktober 2023, 7:40 Uhr

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