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Der Abend mit Ansgar Langhorst

Album der Woche Elvis Costello auf der Suche nach der Magie der Kindheit

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Es ist ein äußerst turbulenter Jahrmarkt der Gefühle, auf welchen Elvis Costello uns auf seinem neuen Album "The Boy Named If" mitnehmen möchte. Auf der Suche nach der Magie kindlicher Fantasie wirft der Meister ausgefeilten Songwritings ein von Farben und Klängen flirrendes Karussell nach dem anderen an.

Elvis Costello & The Imposters "The Boy Named If"
Bild: Universal Music
Elvis Costello & The Imposters "The Boy Named If"

So klingt "The Boy Named If" von Elvis Costello

So klingt das Album von Elvis Costello.

Bild: Universal Music

Da musste offensichtlich wieder einmal eine ganze Menge raus aus diesem nimmermüden Musiker, der mit dem nachsichtigen Lächeln des Lebenserfahrenen auf das muntere Treiben in unseren Köpfen schaut. 13 vielfarbig explodierende, kantige, knarzige und bisweilen von unbeholfener Zärtlichkeit angetriebene Songs hat Elvis Costello mit seinen Imposters am 14. Januar unter dem in voller Länge lautenden Titel "The Boy Named If (And Other Children’s Stories)" veröffentlicht.

Ich denke, dass wir uns, wenn wir älter werden, an eine Seite in uns klammern, die alle Verantwortung von sich weist und für die schlechten Dinge steht, die wir machen, obwohl wir sie lieber bleiben lassen sollten.

Elvis Costello
Elvis Costello
Elvis Costello Bild: Universal Music | Mark Seliger

Die von Elvis Costello für seinen Albumtitel gewählten Initialen "IF" stehen für "imaginary friend", für die eingebildete Freundin, den eingebildeten Freund, den Kinder sich manchmal ausdenken. In der Welt von Costellos mittlerweile 32. Studioalbum steht dieser imaginäre Begleiter für die dunklen, ungezügelten Seiten unseres Wesens. Dinge, die man lieber sein lassen sollte, können bei einem Kind noch etwas Liebenswertes haben, bei Erwachsenen sei das aber nicht mehr der Fall, hat Costello beobachtet. Diesem für ihn faszinierenden Phänomen versucht der 67-jährige Songwriter nun musikalisch beizukommen. Denn mit dem Verlust der Kindheit schließe sich auch die Tür zu diesem magischen Ort, an dem unbewusst so vieles möglich scheint. Als Erwachsener habe man kindliche Begabungen wie malen, tanzen, springen oder Kopfstand machen verloren und müsse einen Drink oder gar eine Pille einwerfen, um sich in seinem Tun zu verlieren, stellt Costello fest. Manchmal möchte er sogar als Rock ’n’ Roller seinem Publikum am liebsten die Augen verbinden, damit es ihm nicht zusehen könne.

Manchen meiner Songs liegen ernsthafte Absichten und Emotionen zugrunde, aber immer war die Musik, die ich für sie geschrieben habe, ausgelassener und freudiger Rock ’n’ Roll, selbst wenn es um verstörende Dinge ging.

Elvis Costello

Trotz seines Blickes zurück auf die verlorenen Gefilde der Kindheit haben Elvis Costello & The Imposters mit "The Boy Named If" ein vor lebhafter Energie sprühendes Album aufgenommen. Er habe auf keinen Fall etwas Moralisierendes auf den Plattenteller bringen wollen, betont Costello. Ganz im Gegenteil sei alles – auch wenn es um verstörende Dinge geht – immer ausgelassener und freudiger Rock ‘n‘ Roll. So ist Costello mit seinem Mikrofon in seinen Garten hinterm Haus gegangen, sein Drummer Pete Thomas hat bei sich im Untergeschoss gesessen und beide haben es total genossen, unbeobachtet „dieses Geräusch namens Rock ‘n‘ Roll" zu erzeugen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies die lebhafteste Platte ist, die The Imposters bisher gemacht haben.

Elvis Costello

Elvis Costello hat sich mittlerweile seit fast einem halben Jahrhundert als kreativer, wandelbarer, bisweilen ruppiger, aber immer von seiner Suche nach neuen musikalischen Erfahrungen getriebener Künstler bewährt. Deshalb tut sich der 1954 in London geborene Musiker auch schwer damit, sein neues Album innerhalb seines Schaffens einzuordnen. Was er definitiv sagen kann, ist, dass "The Boy Named If" das lebhafteste Album darstellt, das er bisher mit den Imposters aufgenommen hat. Als aufeinander eingespieltes Team hat das Quartett sein neuestes Werk ganz bewusst lebhaft, temperamentvoll und kraftvoll gestaltet. Dabei wurde einerseits auf vertraute Stilmittel zurückgegriffen, andererseits aber auch mit neuen Rhythmen gearbeitet.

Es geht um das Ende des magischen Denkens. Auch wenn man diese Gabe, sich Dinge auszudenken, die gar nicht existieren, besitzt, so gibt es doch für sie keine praktische Anwendbarkeit. Dann muss man Algebra lernen – und alles ist ruiniert!

Elvis Costello

Die Möglichkeiten digitaler Technik, die Elvis Costello gerade bei diesem über große räumliche Distanzen hinweg entstandenen Album sehr zu schätzen weiß, verstellen aus seiner Sicht allerdings auch den Weg zurück zur Magie der Kindheit. Realität und die Macht des Faktischen haben kindliche Einbildungskraft und Fantasie überholt und zurückgelassen.

Ich wollte etwas erschaffen, worüber man reden und das man in Händen halten kann. Das war mir persönlich wichtig.

Elvis Costello

Die Konsequenz, die dieser mit so bunten musikalischen Bildern arbeitende Musiker aus seiner Erkenntnis gezogen hat, lässt sich in Form der Bilderbuchausgabe von "The Boy Named If" im wörtlichen Sinne in die Hand nehmen. Auf 88 Seiten hat Elvis Costello 13 illustrierte Geschichten zu seinen Songs geschrieben. In ihnen schildert er die Szenen, die sich unmittelbar vor Beginn oder direkt nach dem Ende des betreffenden Songs abspielen. In den dazugehörigen Illustrationen sind darüber hinaus Hinweise auf Empfindungen versteckt, die dem einen oder anderen beim Anhören des Albums vielleicht entgangen sind. Jede von ihnen drückt darüber hinaus aus, was Costello selbst bei der jeweiligen Melodie empfindet. Damit hat der Musiker, der sich für das Videointerview mit Bremen Eins richtig in Schale geworfen hat, eine Art Gesamtkunstwerk, wie es manche Konzeptalben der 70er gewesen sind, geschaffen.

Es mag albern klingen, aber man sollte beim Songwriting buchstäblich nicht zu logisch denken, sondern seine gedanklichen Impulse direkt in die Finger fließen lassen.

Elvis Costello

Obwohl oder vielleicht gerade, weil er schon ein halbes Leben lang im Geschäft ist, besitzt das Songwriting für Elvis Costello viele überraschende und aufregende Momente. Wenn er auf seine Intuition setzt, dann können Songs entstehen, ohne dass er die Kontrolle darüber hat. Er kann aber auch überlegt und behutsam vorgehen wie bei der Zusammenarbeit mit Burt Bacharach für das 1998er-Album "Painted From Memory". Damals war es ihm darauf angekommen, mit seiner Arbeit nicht in Widerspruch zu Stimmung und Emotion der Musik von Bacharach zu geraten. Sein Album "North" von 2003 wiederum hat Costello in einer persönlichen Phase zwischen Liebe, Verlangen und Erkenntnis geschrieben. Für die darauf versammelten intimen Songs hatte er eine sehr direkte Sprache gewählt, weil er seine Gefühle nicht anders auszudrücken wusste. Das habe diejenigen irritiert, die ihn als eher kaltschnäuzigen und schrulligen, wenn nicht gar zynischen Songwriter verbucht hätten, erinnert sich Costello. Jetzt verzichtet er aber ganz bewusst auf die „Songwrting-Tricks der letzten 25 Jahre" und setzt auf die Direktheit seiner Musik, stellt der bereits 1979 auch als Schauspieler in Erscheinung getretene Musiker klar.

Der Weg, der vor mir liegt, ist kürzer, als der, den ich schon hinter mir habe. Das bedeutet aber nicht, dass nicht beide interessant wären.

Elvis Costello
Elvis Costello
Elvis Costello Bild: Universal Music | Diana Krall

Auch wenn gerade "Farewell, OK", der Aufmacher seines neuen Albums, klingt wie aus der Songschmiede der frühen Beatles, so möchte Elvis Costello dieses auf keinen Fall als Retro-Produkt verstanden wissen. Der musikalische Weg, der hinter ihm liege, sei jederzeit den Blick zurück wert. Aber er sehe keine Veranlassung, in die Vergangenheit zurückzukehren, dafür sei die Zukunft doch viel zu interessant. Für Costello ist "The Boy Named If" nicht auch nur einen Hauch nostalgisch. Im Alter von 23 hätte er mit seinen Imposters gar nicht so spielen können wie heute. Schließlich blicke man auf eine sehr lange gemeinsame Zeit zurück und das  eröffne der Band einen ungeheuren Erfahrungshorizont. Also möchte Elvis Costello sich in seinen neuen Songs geradezu verlieren. Bei seinen Gitarrensoli für "Magnificent Hurt" lässt er seine gedanklichen Impulse direkt in die Finger fließen auf der Suche nach der passenden musikalischen Umsetzung für ein Gefühl des Verlangens, das an die körperlich Schmerzgrenze geht. Beim von einem kreiselnden Dreiermetrum getriebenen "What If I Can’t Give You Anything But Love?" geht es Costello darum, auf seiner Gitarre etwas auszudrücken, wofür ihm die Worte fehlen. Er spielt dann so, wie er sich gerade fühlt. Überhaupt geht er mit seinen Imposters immer voll ins Risiko und verleiht damit seinen Songs eine explosive Direktheit.

Die meiste Zeit über verlassen wir uns auf unsere Instinkte und Impulse und deshalb klingt das Album auch wie live eingespielt.

Elvis Costello

The Imposters, die sich 2002 als Costellos Tourband formiert haben, sind ein musikalischer Glücksfall für den im kanadischen Vancouver lebenden Musiker. Mit Steve Nieve, Pete Thomas und Davey Faragher sendet er musikalisch auf einer Wellenlänge, sodass man sich für das aktuelle Album die Aufnahmen der einzelnen Stimmen zwischen Vancouver, Los Angeles und der Normandie hin- und herschicken konnte. Der Rest wurde in Videokonferenzen diskutiert. Durch das tiefe gegenseitige Vertrauen, durch das Ohr für ihre Instinkte und Impulse, konnten Elvis Costello & The Imposters ihr aktuelles Album wie live eingespielt klingen lassen. Da ist sich der Schöpfer komplexer Songs absolut sicher.

Während der Pandemie haben manche Musik gemacht, die sich offensichtlich mit ihren Ängsten, Sorgen und ihrer Isolation beschäftigt. Ich verspürte kein Interesse daran, das in Songs zu verarbeiten. Ich dachte, die Realität dieser Dinge sei ausreichend, sodass man nicht auch noch darüber singen müsse.

Elvis Costello

Wenn Elvis Costello eines nicht möchte, dann ist es, sich den Blick aufs Leben von der Pandemie verstellen zu lassen. Mit seinem neuen Album möchte er Lebenszeichen senden. Dies tut er dann auch mit grellen Farben, schrägen Klängen und deftigem Sound. Geholfen hat ihm dabei sein Co-Produzent Sebastian Krys, der unter anderem mit Gloria Estefan, Shakira, Luis Fonsi sowie Eros Ramazzotti zusammengearbeitet und schon etliche Grammys gewonnen hat.

Wir sollten uns Gedanken über das Leben an sich machen, denn es ist flüchtig und es gibt doch einige wunderbare Dinge, an die man sich mittlerweile aus einem anderen Blickwinkel heraus erinnert.

Elvis Costello

Wenn Elvis Costello & The Imposters uns mit "The Boy Named If" auf ihren Jahrmarkt voller greller Lichter und vorbeihuschender, bunter Gestalten einladen wollen, dann immer auch mit dem Blick auf die schönen, flüchtigen Momente, die das Leben zu bieten hat. Als Senior seiner Familie, der er mittlerweile ist, weiß Costello den Wert dessen, was er erlebt hat, zu schätzen, ebenso, wie er sich seiner Verantwortung für diejenigen, die ihm nahestehen, bewusst ist. Denn hinter dem mehr als einmal als Rüpel und Grantler bezeichneten Künstler verbirgt sich in Wirklichkeit ein Menschenfreund, der sich zumindest einen Teil der Magie des Kindseins bewahren möchte.

Elvis Costello & The Imposters
"The Boy Named If"
EMI EAN: 0602438886395
VÖ: 14. Januar 2022

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 17. Januar 2022, 16:40 Uhr